{"id":318,"date":"2014-12-23T14:11:01","date_gmt":"2014-12-23T12:11:01","guid":{"rendered":"http:\/\/kritjur.spline.de\/?p=318"},"modified":"2014-12-23T14:11:39","modified_gmt":"2014-12-23T12:11:39","slug":"pressemitteilung-der-kritischen-juristinnen-der-fu-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kritjur.spline.de\/?p=318","title":{"rendered":"Pressemitteilung der Kritischen Jurist*innen der FU Berlin"},"content":{"rendered":"<p><strong>VG M\u00fcnster \u00e4u\u00dfert Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Einstufung Serbiens als<\/strong><br \/><strong>sicheren Herkunftsstaat<\/strong><\/p>\n<p>Das Verwaltungsgericht (VG) M\u00fcnster hat am 27. November 2014 im Zusammenhang mit<br \/>dem am 6.11.2014 in Kraft getretenen Bundesgesetz vom 31. Oktober 2014, das unter<br \/>anderem Serbien als sogenannten sicheren Herkunftsstaat eingestuft hat und dessen<br \/>Verhinderung durch die politischen Entscheidungstr\u00e4ger_innen im Bundesrat wir per<br \/>Pressemitteilung vom 21.08.2014 [1] gefordert hatten, dem Eilantrag einer asylsuchenden<br \/>serbischen Familie stattgegeben.<br \/>Die aufschiebende Wirkung ihrer Klage gegen die Androhung ihrer Abschiebung angeordnet,<br \/>da Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des Gesetzes bestehen, die im Eilverfahren nicht<br \/>ausger\u00e4umt werden konnten.[2]<br \/>Bei der heute in M\u00fcnster wohnhaften, serbischen Familie handelt es sich um Angeh\u00f6rige der<br \/>\u201eVolksgruppe\u201c der Roma, deren Antrag auf Anerkennung des Asylstatus vom Juli 2014 im<br \/>Oktober 2014 vom Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge mit einer<br \/>Abschiebungsandrohung auf Grund des neuen Gesetzes als offensichtlich unbegr\u00fcndet gem. \u00a7<br \/>29a Abs. 1 AsylVfG i.S.d. Art. 16a Abs. 3 Satz 1 GG abgelehnt wurde.<br \/>Laut VG M\u00fcnster sei es weder erkennbar, ob der Gesetzgeber (I) die gesetzlichen Regelungen<br \/>und deren Anwendung in Serbien hinreichend ber\u00fccksichtigt hat, noch, dass er (II) die<br \/>Entscheidungspraxis der deutschen Verwaltungsgerichte in die Gesetzesbegr\u00fcndung<br \/>einbezogen hat.<br \/>Im anh\u00e4ngigen Klageverfahren soll gekl\u00e4rt werden, ob das Gesetz wegen Zweifeln an seiner<br \/>Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit dem Bundesverfassungsgericht im Rahmen der konkreten<br \/>Normenkontrolle gem. Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG vorgelegt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(I) Die Zweifel begr\u00fcnden sich vor allem auf der im Gesetzgebungsverfahren nicht<br \/>hinreichenden Betrachtung der ge\u00e4nderten serbischen Ausreisebestimmungen, die die<br \/>Ausreise mit der Absicht, Asyl zu beantragen, unter bestimmten Umst\u00e4nden unter Strafe<br \/>stellt [3], und ihrer Anwendung, insbesondere auf \u201eVolkszugeh\u00f6rige\u201c der Roma.<br \/>Diese Ausreisebeschr\u00e4nkungen werden in der Gesetzesbegr\u00fcndung nicht erw\u00e4hnt, obwohl<br \/>Ausf\u00fchrungen \u00fcber ihre Problematik dem Innenausschuss des Bundestages im<br \/>Gesetzgebungsverfahren bereits im Juni 2014 vorlagen. Zudem k\u00f6nne das Ausw\u00e4rtige Amt<br \/>\u201eweder eine verbindliche Aussage dazu treffen, mit welcher Absicht die aktuellen serbischen<br \/>Ausreisebeschr\u00e4nkungen beschlossen worden sind, noch wie diese Bestimmungen zur<br \/>Anwendung gelangen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(II) Der Gesetzgeber kann \u201ezur Abrundung und Kontrolle des gefundenen Ergebnisses\u201c im<br \/>Gesetzgebungsverfahren au\u00dferdem die Entscheidungen des Bundesamtes f\u00fcr Migration und<br \/>Fl\u00fcchtlinge (BAMF) sowie der Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte bzgl. der<br \/>Anerkennung von Asylbewerber_innen aus dem jeweiligen Land heranziehen. Allerdings<br \/>haben die Regierungsfraktionen laut Gesetzesbegr\u00fcndung lediglich die Anerkennungsquoten<br \/>des der Regierung selbst unterstehenden BAMF ber\u00fccksichtigt, die Entscheidungspraxis der<br \/>Verwaltungsgerichte jedoch vernachl\u00e4ssigt.<br \/>Zudem hat Dr. Manfred Schmidt, Pr\u00e4sident des BAMF, den Innenausschuss des Bundestages<br \/>offensichtlich \u00fcber die Entscheidungspraxis get\u00e4uscht, indem er von einer \u201eSonderrolle\u201c des<br \/>VG Stuttgart sprach, das zwei Asylklagen entsprochen habe. Nach telefonisch eingeholter<br \/>Auskunft der entscheidenden Kammer handelt es sich aber um mehrere erfolgreiche Klagen.<br \/>Zus\u00e4tzlich verschwieg er, dass bereits im Mai 2014 eine Beweisaufnahme zur Situation unter<br \/>anderem der Roma in Serbien beschlossen worden war und diese noch nicht abgeschlossen<br \/>ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind erleichtert \u00fcber den Beschluss des VG M\u00fcnster, der die von uns schon angemahnte<br \/>mangelhafte Auseinandersetzung der Bundesregierung mit der tats\u00e4chlichen Situation der<br \/>Roma in Serbien r\u00fcgt. Dass dem Innenausschuss vorliegende Informationen, die der<br \/>Erkl\u00e4rung Serbiens zu einem sog. sicheren Herkunftsland widersprechen, in der<br \/>Gesetzesbegr\u00fcndung nicht ber\u00fccksichtigt wurden, zeugt von der immer wieder zu Tage<br \/>tretenden Willk\u00fcr der Bundesregierung bei der Bewertung von Menschenrechtsfragen, die in<br \/>diesem Fall insbesondere darauf abzielt, den latenten bis offenen Rassismus in der deutschen<br \/>Gesellschaft, v.a. ihrer Stammw\u00e4hlerschaft, zu bedienen.<br \/>Die dreiste, aber offensichtlich willkommene T\u00e4uschung des Innenausschusses durch den<br \/>Pr\u00e4sidenten des BAMF schlie\u00dft zudem nicht aus, dass auch dieses Interesse an erleichterten<br \/>Abschiebebedingungen hat und nicht um eine objektive Bewertung insbesondere der<br \/>Menschenrechtslage der Roma in Serbien bem\u00fcht ist. Dar\u00fcber hinaus stellt die Aussage des<br \/>Ausw\u00e4rtigen Amtes \u00fcber mangelnde Kenntnisse von f\u00fcr Asylfragen wichtigen serbischen<br \/>Gesetzen und ihrer Anwendung dessen Kompetenz in Frage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir fordern deshalb von der Bundesregierung, es nicht auf eine m\u00f6gliche Entscheidung aus<br \/>Karlsruhe ankommen zu lassen, sondern das Gesetz zur Einstufung Serbiens, Mazedoniens<br \/>und Bosnien-Herzegowinas als sichere Herkunftsstaaten r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und in<br \/>Zukunft eine menschenfreundliche Asylpolitik zu betreiben, die unserer Geschichte und den<br \/>Verpflichtungen, die unser wirtschaftlicher Wohlstand mit sich bringt, gerecht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 http:\/\/www.rechtskritik.de\/<br \/>2 Az.: 4 L 867\/14.A \u2013 rechtskr\u00e4ftig;<br \/>http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/ovgs\/vg_muenster\/j2014\/4_L_867_14_A_Beschluss_20141127.html<br \/>3 www.proasyl.de\/fileadmin\/proasyl\/Serbien_kein_sicherer_Herkunftsstaat.pdf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kristina Tiek,<br \/>Sprecherin der Kritischen Jurist*innen an der FU Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VG M\u00fcnster \u00e4u\u00dfert Zweifel an der Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit der Einstufung Serbiens alssicheren Herkunftsstaat Das Verwaltungsgericht (VG) M\u00fcnster hat am 27. 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